An vielen Schulen steht die Individualisierung von Lernprozessen auf der Agenda. Lernende sollen hierbei eigene Lernwege gehen und selbst Verantwortung für ihren Lernprozess übernehmen. Das Lernschrittkonzept (siehe frühere Beiträge in diesem Blog) ist eine Möglichkeit, um Schüler auf diesem Weg zu unterstützen und zu motivieren. Bei der Erstellung von Lernaufgaben und der Frage, welche Kompetenzen Lernende bei der Bearbeitung erwerben, fiel auf, dass in den meisten Fällen die angebotenen Lerngelegenheiten auf die Kompetenzstufe B1, d. h. “anwenden - Lösen von Problemen in neuen Zusammenhängen durch das Anwenden von erworbenem Wissen“, führen.

Ausschnitt aus der Lernschrittübersicht zum Lernfeld 6 ("Entwickeln und Bereitstellen von Anwendungssystemen") der IT-Berufe. Der Lernschrittplaner gibt für jeden Lernschritt an, welcher Lernende welche Kompetenzstufe erreicht hat. Aufgrund des Lernangebots der Lehrkräfte und der von den Lernenden in den Lernschrittplanern selbst formulierten Zielen wurden seit März 2011 hauptsächlich Kompetenzen bis zur Stufe B1 erreicht. Jetzt wurden erstmals auch die Kompetenzstufen B2 und C1 (rot schraffierte Felder) zuerkannt.
Folglich setzten sich die Lernenden in ihren Lernschrittplanungen Ziele, die sie Kompetenzen bis zur Stufe B1 erwerben ließen. In der Lernschrittübersicht (siehe Abbildung) ist das deutlich zu sehen. Diese Beobachtung stellte das Lehrerteam zu Beginn der Arbeit mit Lernschritten (März 2011) vor die Frage, ob sie ihr Angebot an Lerngelegenheiten stärker auf die Kompetenzstufen jenseits von B1 ausweiten sollten.
In dieser Phase machte das Lehrerteam eine zweite Beobachtung. Im Anschluss an die Fachgespräche wurde bei der Verortung zu einem Lernschritt, bei der ein Lernender seinen Namen in das zugehörige Feld der erreichten Kompetenzstufe einträgt, gefragt, was denn zu tun sei, um eine der weiteren Kompetenzstufen (B2-C2) zu erreichen. Die Lernenden machten Vorschläge, was sie noch tun könnten, um diese Stufen zu erreichen. In den Gesprächen wurde diskutiert, wie sich Lernprodukte zur Kompetenzstufe B1 “anwenden” von Lernprodukten zur Kompetenzstufe C1 “erschaffen” unterscheiden und warum “vergleichen” auf Stufe A2 etwas anderes ist als “analysieren” auf Stufe B2. An dieser Stelle begann “wirkliches” selbstorganisiertes und selbstgesteuertes Lernen, hier vollzogen die Lehrkräfte den Rollenwechsel zum Lernbegleiter und hier nahmen die Lernenden ihren Lernprozess in die eigene Hand.
Heute haben erstmals Lernende im 3. Ausbildungsjahr des Ausbildungsberufs Fachinformatiker für Systemintegration im Lernfeld 6 (“Entwickeln und Bereitstellen von Anwendungssystemen”) diese scheinbare Hürde überwunden und im Lernschritt “Trennung von Darstellung und Fachkonzept mit Templates” in Fachgesprächen die Kompetenzstufen B2 und C1 (siehe rote Felder in der Abbildung) nachgewiesen. Sie haben in der Blockwoche zuvor in diesem Lernschritt die Kompetenzstufe B1 erreicht und im Anschluss daran selbst Ziele formuliert und Lernprodukte angefertigt, die auf eine Vertiefung über die Stufe B1 hinaus führten. Sie haben hierbei auf keine Lerngelegenheiten der Lehrkräfte zurückgegriffen.
Damit hat sich gezeigt, dass das Lernschrittkonzept neben dem Nahelegen von Möglichkeiten für eine Verbreiterung der eigenen Kompetenzen mit weiteren Lernschritten typischerweise entlang der Kompetenzstufe B1 (siehe vertikale blaue Pfeile in der Abbildung) auch motiviert, Kompetenzen zu einem Lernschritt zu vertiefen (siehe den horizontalen roten Pfeil in der Abbildung).
Für die Bereitstellung von Lerngelegenheiten heißt das, dass es ausreichend ist, Lerngelegenheiten bis zur Stufe B1 anzubieten. Ausgehend von diesem Angebot ist das Erreichen der Stufe B1 die Voraussetzung dafür, dass Lernende von sich aus beginnen, über eine Vertiefung über die Stufe B1 hinaus nachzudenken.